laurentiuspilgern

Pilgern zwischen den Laurentiuskirchen Usingen und der Laurentiuskirche Arnoldshain

Arnoldshainer Weihnacht

Laurentiuskirche Arnoldshain_im_Winter_mit_altem_Schornstein-Foto Martin HoffmannBibel, 1. Mose 28.17 „Und er <Jakob> fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“

Die Arnoldshainer Weihnacht – Eine Weihnachtserzählung aus schwerer Zeit

Am Vortag des Heiligen Abends im Jahr 1671 saß der evangelische Pfarrer zu Arnoldshain, Johann Wenck, im Zimmer des Pfarrhauses, der Amts- und Studierstube, und bereitete seine Weihnachtspredigt vor. Er wurde durch ein Klopfen an der Tür aus seinen Gedanken, die er zu Papier zu bringen versuchte, gerissen. Auf sein nicht gerade erfreulich klingendes „Herein“ trat ein alter Mann in der Kleidung, wie sie die Hirten trugen, in die dämmrige Stube. Es war Johann Jacob Weißgerber, der Hirte aus der Krötenbach. Er wirkte älter als er war. Die vielen harten Jahre des Krieges und der Entbehrung hatten ihn, den Fünfzigjährlgen, vorzeitig alt gemacht. Mehr als die Hälfte seines Lebens waren Kriegs- und Hungerjahre. Geboren in der Pfalz, kam er als Bub mit seinen Eltern und Geschwistern in den Taunus. Der Krieg hatte sie vertrieben, und Vater Christoph Weißgerber hatte eine Anstellung als Viehhirte in Arnoldshain gefunden. Seitdem lebte die Familie im Hirtenhaus. War das Leben eines Hirten in normalen Zeiten schon arm, so war es in Kriegszeiten geradezu erbärmlich.

„Guten Abend, Herr Pfarrer“- und dabei drehte der späte Gast verlegen den Hut in seinen Händen.

„Guten Abend, Johann. Welch ein seltener Besuch. Tretet näher. Wollt Ihr mir heute schon einen Weihnachtsgruß sagen?“ „Herr Pfarrer entschuldigen, dass ich jetzt noch störe. Aber es hat mir keine Ruh gelassen. Und ich muss gleich sagen: es wird etwas länger dauern. Herr Pfarrer machen sicher die Weihnachtspredigt. Und vielleicht – so dacht ich – passt es dazu, was ich Euch zu erzählen habe. Und Ihr könnt’s dann den Leuten weitererzählen.“ „Ja, ich sitze über der Predigt. Aber Ihr habt mich neugierig gemacht. Kommt, setzt Euch hierher. Im Sitzen erzählt sich’s besser.“ Dabei rückte der Pfarrer einen Hocker an den Tisch, auf dem der Hirte Platz nahm.

„Herr Pfarrer, ich bin ja kein studierter Mann. Ich war mein Leben lang nichts anderes als ein armer dummer Hirt. Und in die Kirche komme ich nicht oft. Geradeso wie die Hirten von Bethlehem. Die waren auch arm, und sehr fromm waren sie auch nicht. Aber Gott muss sie doch liebgehabt haben.“

„Wie kommt Ihr darauf?“, unterbrach der Pfarrer. Als hätte er die Frage nicht gehört, redete Weißgerber weiter: „Sagt, ist da zwischen Bethlehem und Arnoldshain ein großer Unterschied?“ Der Pfarrer schüttelte unverständig den Kopf: „Das glaub ich wohl. In Bethlehem ist der Heiland geboren. Was meint Ihr damit?“ „Ja, seht, das ist ja gerade meine Geschichte, Herr Pfarrer. Ich glaub‘, dass der Heiland überall wieder zur Welt kommen kann. Da, wo Menschen ihn aufnehmen. Und ich glaub‘, dass Gott die armen und kleinen Leut‘ besonders lieb hat. Vielleicht gerade deshalb, weil sie sonst so wenig Achtung und Liebe haben.“ Das verstand der Pfarrer schon besser: „Da habt Ihr recht. Aber Ihr seid doch nicht zu mir gekommen, um mir das für meine Predigt zu sagen. Was habt Ihr auf dem Herzen? Sprecht!“

„Ich wollt Euch eine Geschichte erzählen. Ich hab’s mir lange überlegt, ob sie’s wert sei. Ich habe Angst gehabt zu Euch zu gehen. Aber jetzt muss es raus. Und den Leut‘ geht’s langsam wieder besser, nach dem großen Krieg. Manchmal mein ich, sie hätten’s wieder vergessen. Die Not, und wie arm sie waren. Und was wir uns alle gewünscht hatten: Frieden auf Erden. Und nun ist Friede. Und es geht uns besser. Aber Not ist noch viel auf der Welt. Und in den Herzen ist noch viel Hass und Streit.“ „Da habt Ihr recht! Wir vergessen alle zu schnell.“ Wieder nickte Pfarrer Wenck zustimmend.

„Damit die Leut nicht ihre Not vergessen, ihre eigene und die anderer nicht, deshalb bin ich zu Euch gekommen.

Es war der schreckliche Winter 35/36. Ich war damals 14 Jahre und wohnte draußen im Hirtenhaus mit meinem Vater und den Geschwistern. Meine Mutter war im Jahr zuvor gestorben, an der Auszehrung. Es gab keinen Lohn für den Kuhhirten. Es gab nur noch wenige Kühe im Dorf. Wir hatten nichts zu beißen. Die Soldaten hatten uns alles weggenommen, das Vieh geschlachtet, die Häuser geplündert. Wir kauten die Rinde von den Bäumen und kochten Wurzeln. Von denen, die am Dorf vorbeizogen, aus Frankfurt und den anderen großen Städten, hörte man schreckliche Dinge. Dass die Menschen vor Hunger wie die wilden Tiere wurden und Dinge taten, die man nicht erzählen kann.

Am 24. Dezember, dem Heiligen Abend, schneite es unaufhörlich. Ein eisiger Wind jagte den Schnee zu Haufen und Wehen. Wir saßen trübsinnig in der Stube. Anna, meine Schwester, fragte, wann Weihnachten sei. ,Heute‘ sagte mein Vater. Wir hatten nichts. Nicht einmal eine Bibel, aus der der Vater die Weihnachtsgeschichte hätte lesen können. Denn im Haus eines Kuhhirten gab es kein Buch. Wofür auch? Lesen konnte doch keiner.

Aber Geschichten konnte der Vater erzählen. Und an diesem Abend erzählte er die Weihnachtsgeschichte. Er konnte sie auswendig. Als er bei der Stelle angekommen war ,und Friede auf Erden …‘ faltete er die Hände und wiederholte: ,Friede auf Erden‘.

Sonst waren wir am Heiligen Abend zur Kirche gegangen, den Weg am Bach hinter und dann im Dorf zur alten Kirche. Es war schön und feierlich gewesen unter all den vielen Leuten und die Weihnachtsgeschichte zu hören und die Lieder zu singen. Aber seitdem die Mutter tot war, ging der Vater nicht mehr mit uns zur Kirche. Er war nicht gottlos. Aber er ging eben nicht mehr.

Er betete öfter mit uns. Er hatte uns das Vaterunser beigebracht. Manchmal erzählte er uns eine Geschichte aus der Bibel. Auch an jenem Weihnachtsabend beteten wir zusammen das Vaterunser und dann gingen wir schlafen.

Ich lag noch wach, als es an der Tür klopfte. Zuerst ganz schwach, dann stärker. Ich dachte zuerst, es sei der Wind, der irgend etwas bewegte und gegen das Haus schlagen ließ. Aber dann bekam ich Angst, das Herz klopfte mir bis zum Hals. Waren es Soldaten oder Räuber? Oder war es ein wildes Tier, vielleicht ein Wolf. Wisst Ihr, wenige Jahre zuvor hatte ein Wolf dem Armen sein Kind gerissen und getötet.

Ich weckte den Vater. Wir beide warteten auf das Klopfen. Es kam wieder, heftiger.

Es wurde an der Tür gerüttelt. Mein Vater zog sich das Kleid über und die Jacke, nahm die Laterne und öffnete langsam die Tür.

Draußen standen zwei Gestalten, voller Schnee. Ein Mann und eine Frau, das sah ich, als der Vater sie mit der Laterne anleuchtete. Die Frau hatte ein Bündel im Arm.

,Was wollt Ihr und wer seid Ihr?‘, fragte der Vater. ,Wir sind unterwegs, geflohen vor den Schweden. Wir suchen eine Unterkunft für die Nacht. Wir haben ein Kind, vor sieben Tagen geboren. Um Gottes Willen, lasst uns ein.‘

Und mein Vater ließ sie rein. Den Mann und die Frau mit dem Bündel. Ohne weitere Fragen zu stellen. Er kannte weder ihren Namen noch ihre Herkunft. Und er holte das Wenige, was wir zu Hause hatten, ich meine zu essen. Meine Geschwister waren natürlich längst wach geworden und starrten mit verschlafenen Augen die Fremden an. Wir sahen, wie der Vater die Fremden bewirtete und das Kind anlachte.

Wisst Ihr, Herr Pfarrer, das kann ich nie vergessen. Nie in meinem Leben werde ich

vergessen, wie der Kuhhirt Christoph Weißgeber, mein Vater, in der heiligen Nacht die Leute mit dem Kind bewirtet hat. Versteht Ihr das, Herr Pfarrer?“

Der Pfarrer nickte: „Wer waren denn nun diese Leute?“ „Meine kleine Schwester Anna fragte: Wer sind denn die Leute, Vater? – geradeso wie Ihr jetzt, Herr Pfarrer, fragte sie. Da flüsterte mein Bruder: Das sind doch Maria und Josef mit dem Jesuskind. Anna klatschte in die Hände und rief ungeniert in die Stille: Dann ist ja bei uns wirklich Weihnacht geworden. Und wir sind der Stall von Bethlehem. Pst, sei nicht so laut, sonst erschrickt ja das Kind, sagte der Vater. Ja, da waren wir armen Leute auf einmal so reich, dass wir noch anderen abgeben konnten.

Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Denn mein Vater wollte natürlich wissen von den Leuten, die da als Maria und Josef in unser Haus geschneit waren, woher sie kämen. Sie erzählten von ihrer Flucht aus dem Königstein’schen. Weil sie wohlhabende Katholiken waren, wurden sie von den Schweden, die auf der Seite der Evangelisten kämpften, aus Haus und Hof verjagt, mitten im kalten Winter, bei Schnee und Eis.

Das kam nun unserem Vater allerdings hart an, was der Mann da erzählte. Wisst Ihr, seitdem er von den Katholischen aus seiner Heimat vertrieben wurde, war er Katholikenhasser. Bis zum Abend des 24. Dezember 1635, an dem ihm aufging, dass das Jesuskind weder katholisch noch evangelisch war, sondern ein Menschenkind und Gotteskind. Und dass der Krieg in der Welt nicht durch die Mächtigen oder irgendeine Seite beendet würde, sondern durch Menschen, die anderen die Tür auftun. Dass auch ein Hirte, so arm wie er, noch immer von Gott geliebt wird, dass er den Heiland aufnehmen darf.

Das alles hat mein Vater in diesen Augenblicken verstanden. Er war wohl einfach und ungebildet. Aber konnte ganz tief nachdenken. Und in seinem Herzen war er nicht ungebildet. Er machte sich danach auf den Weg in das Dorf, um für das Kind Milch zu holen. Die unsere war ausgegangen. Ja, so arm waren wir, dass ein Kuhhirte nicht mal mehr Milch hatte. Er kämpfte sich den Weg durch den Schnee und den Wind. Wir Kinder sollten derweil auf das Kind und seine Eltern aufpassen und das Feuer versorgen.

Im Dorf kamen die Leute gerade von der Kirche. Mein Vater erzählte die Geschichte, die dann einer dem anderen weitergab. Viele kamen am Weihnachtstag und brachten dem Kind und den Eltern von dem wenigen, was sie hatten. Mein Vater hatte ihnen nicht gesagt, dass es ein katholisches Kind sei. Denn er kannte ja die Menschen, er kannte ja sein eigenes Herz. Er wusste, wie in dieser Zeit das Vorurteil die Menschen entstellte und die Herzen zuschloss. Er wusste, wie viel entstellt war in jenen Jahren durch den Hass, und er wusste jetzt, dass auf beiden Seiten die Schuld groß war. So kam es, dass viele Arnoldshainer meinten, es müsse jetzt nach dieser Weihnacht der Stern des Friedens über dem Land aufgehen. Aber Ihr wisst ja selbst, wie lange es noch dauerte, bis der Frieden kam.“

Hier endete Johann Christoph seine Erzählung. Eine solche lange Rede hatte er noch nie in seinem Leben gehalten. Die Augen, die alt und müde geworden waren von den vielen schrecklichen Bildern, die sie gesehen hatten, waren beim Erzählen hell und wach geworden. Der Pfarrer, der ihn nicht unterbrochen hatte, tat einen Seufzer und nahm die Hand des Hirten. Mit einer Stimme, der man die innere Erregung anmerkte, sprach er: „Ich danke Euch, Johann Jacob Weißgerber, für diese Weihnachtspredigt. Eine Arnoldshainer Weihnacht anno 1635. So soll in diesem Jahr meine Predigt überschrieben sein. Und ich weiß auch schon den Predigttext: Die Hirten aber, da sie es gesehen hatten, breiteten das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten.“

Martin Hoffmann

Impulsfragen: Was ist eine schöne Geschichte aus meinem Leben? Die ich gerne weitererzählen kann. Die ich hüte, wie einen Schatz. Mit wem kann ich eine schöne Lebensgeschichte teilen?

(Wi)

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